Journal

  • Vorab:

Ich kann mich an vieles aus meiner Kindheit nicht mehr erinnern. Vieles ist verschwunden, weggesperrt, versteckt, hinter dicken Mauern begraben, eingebuddelt…….vieles habe ich vergessen; eine Karte zu den vielen Verstecken in mir gibt es nicht. 

Natürlich hat das einen Grund. An die wenigen Sachen, an die ich mich erinnere, denke ich äußerst ungern. Denn eine menge dieser Flashbacks drehen sich um körperliche und seelische Gewalt, wenig Zuneigung, Unterstützung im Leben sowie gegebene Liebe, die ich im Nachhinein doch so oft und dringend gebraucht hätte.

Bitte versteht mich an dieser Stelle nicht falsch: heutzutage mache ich meinen Eltern keinen Vorwurf mehr über ihre Art der Kindererziehung. Sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Ressourcen alles dafür getan um mir aus ihrer Sicht gute Eltern zu sein. Heute, mit ausreichend Abstand zur Kindheit und Erziehung, nach vielen sehr prägenden Erlebnissen und einigen Jahren an Therapieerfahrung komme ich auf die Erkenntnis, weswegen mein Leben bis jetzt so gelaufen ist…..wie es nun jetzt mal gelaufen ist. 

Spoiler

Es hat 46 Jahre und 263 Tage gedauert, bis sich diese Erkenntnis in meiner Gehirn niedergeschlagen hat. Oder 16.109 Tage, bis die Erkenntnis dann endgültig gefestigt im Hirn und Herz, vielleicht auch in Fleisch & Blut übergegangen ist. 

Über 46 Jahre…das ist die Zeit vom 14.02.1979, meiner Geburt, bis zum Tag, an dem meine Frau mir nach sehr langer Geduldsphase gesagt hat, das sie sich von mir trennen wird, da es für sich in diesem Schwebezustand nicht mehr weiter ginge. Das war der Mittwoch, 12.11.2025. 

Heute, am 23.11.2025 bilde ich mir ein, die meisten der Gründe für die Trennung und meine Entscheidungen, Unterlassungen & Versäumnisse meiner bisherigen Vita zu kennen, auch wenn ich noch längst nicht alles davon verstehe. 

Liebe Leser, lasst uns gemeinsam vorne anfangen….

Wir springen ins Jahr 1985 und damit ins Jahr meiner Einschulung und in das Jahr, in dem ich mit dem Fußball und dem Vereinssport angefangen habe. 

Warum 1985 und nicht schon vorher? Ich habe – Stand heute – keinen wirklichen Zugriff auf Momente, Ereignisse, Erinnerungen an meine Kindergartentage. Deswegen kann ich hierzu einfach so gut wie nichts schreiben.

Also…1985…

Mein Vater: Antonio, Baujahr 1948, geboren in dem Örtchen Favara in der Nähe von Agrigento auf Sizilien, Italien, Sohn eines Kriegsveterans, ein Bruder, eine Schwester. Der Vater (also mein Großvater), aktiver Teilnehmer am zweiten Weltkrieg, gefangengenommen und aus sibirischer Gefangenschaft mit massiven Erfrierungen an den Füßen, die nicht wieder verheilt sind (….die Zeit heilt wohl doch nicht alle Wunden…), zurückgekehrt mit eben diesen Wunden, hat die Verantwortung für seine Familie übernommen und war trotz der Umstände im Salzbergwerk (soweit ich das richtig verstanden habe) hart arbeitend bis ins gesetzte Alter als Ernährer seiner Familie da, seine Frau – die meiner Meinung nach kein guter Mensch war – hat währenddessen für die Kinder gesorgt. 

Mit 15 Jahren ist dieser dann mit geringer Schulausbildung und völliger Perspektivlosigkeit nach Deutschland „ausgewandert“ und war somit Teil der großen Migrationswelle in den 60er Jahren, die ja bekanntermaßen zum Aufschwung Deutschlands beigetragen hat (!)

Ebendieser Antonio schlug seinem Sohn, also mir, vor, er könne jetzt, da er 6 Jahre alt ist, endlich in den Fußballverein gehen und dort mit seinen Kindergarten- und Freunden Fußball spielen. Ich kann mich hier erinnern, das mir meine Eltern sagten, es wäre ein großer Wunsch von mir gewesen im Verein Fußball zu spielen…Erinnern kann ich mich an diesen Wunsch nicht. In den Jahren zuvor war ich wohl auch schon im Kinderturnen angemeldet, musste aber – so hat es zumindest meine Mutter Helga erzählt, wieder abgemeldet werden. Der Junge war zu wild und ließ sich nicht zügeln, war wohl die Aussage der Turnstundenleiterin…ich kann mich nicht erinnern. 

Helga, das einzige Mädchen von 5 Kindern wurde 1952 in Heinitz im Saarland geboren. Über den Vater ist mir nichts bekannt – er ist vor meiner Geburt gestorben und (soweit ich mich erinnern kann) wurde nicht über ihn gesprochen. Helgas Mutter lebte bei uns im Haus bis zu ihrem Tod im Jahr 1985. Ich kann mich auch an sie nicht wirklich erinnern, obwohl meine Mutter mir gesagt hat, ich wäre oft unten bei ihr gewesen und hätte Zeit mit ihr verbracht. Sie bewohnte den 1. Stock unseres Hauses. 

Ich begann also mit Fußball und Schule im Alter von 6 Jahren…Auch hier gibt es sehr wenig Erinnerungen insgesamt an die Grundschulzeit sowie an die ersten Jahre meiner Sportlerkarriere. Die Erinnerungen schreibe ich hier kurz Stichwortartig zusammen:

– Meine Klassenlehrerin hieß Schmidt (oder Schmitt), hatte schwarze Haare und war immer braungebrannt, spielte Tennis (und hat uns die alten Tennisbälle immer mitgebracht) und fuhr einen goldenen Opel Kadett E. 

– ich war Torwart und wohl auch ganz ok darin, denn ich durfte des Öfteren zum Auswahltraining nach Saarbrücken. Mein Bewegungsdrang zwang mich dazu, das Tor im Verlauf zu verlassen und Feldspieler zu werden, weil ich da mehr Bewegungsfreiheit hatte. Positionstreu gespielt habe ich aber nicht, wie mir berichtet wurde. 

– Einer meiner Trainer zur damaligen Zeit hatte immer eine knallorte, geschwollene und adrige Nase, hat nach Pefefferminz gerochen und hatte eine ziemlich kurze Zündschnur. Er hat mich lieber im Tor gesehen und das auch laut kommuniziert, denn so habe ich auf dem Spielfeld „weniger Chaos“ angerichtet. 

1989 kam der Wechsel auf die weiterführende Schule. Auch hier gibt es wenige, kaum nennenswerte Erinnerungen. Meine Schulnoten waren eher so semidoll, manchmal ok, manchmal „noch ganz annehmbar“. Von Nachhilfe wurde nie gesprochen. Generell kann ich mich nicht erinnern, Hilfe bei meinen Hausaufgaben erhalten zu haben. Die Schulzeit verging eher schleppend. Lichtblicke in dieser Zeit war die gute Freundschaft zu ein/zwei Mitschülern und das Entdecken des Basketballs für mich – deutlich Actiongeladener als Fußball! Mit 12 Lenzen fuhr ich zweigleisig, was meine Sportaktivitäten betrifft. 

Denke ich während des Schreibens darüber nach, war das Thema Sport für mich immer präsent. Selbst heut noch Liebe ich die Sportarten, die in dieser Zeit sehr zu Schätzen gelernt habe. Viele meiner Freunde und Mitrehabilitanden aus der letzten Reha 2024 werden bestätigen, das ich trotz meines mittlerweile dock stark eingeschränkten Bewegungsapparats und mangelnder Geschwindigkeit & Kondition sehr gut in sehr vielen verschiedenen Sportarten war und noch bin. Zusammengefasst kann ich so ziemlich alles mit Schläger und auch so ziemlich alles mit Bällen (werfen, schießen, fangen, pritschen, schlagen, stoßen….) spielen, sofern das Tempo moderat ist und ausreichend Pausen gewährt werden 🙂 

Konkrete Erinnerungen an die Schulzeit bis ca. 1995/1996 beschränken sich auf einige wenige Ereignisse – hier in erster Linie Klassenfahrten. Auf alten Zeugnissen ist im Fließtext zu lesen, das ich gern Unruhe im Klassenraum verbreitete und ziemlich schlecht still sitzen konnte. Es folge die ein mittlerer Bildungsabschluss und eine 3-Jährige Karriere auf einer weiterführenden Schule mit dem Ergebnis der Fachhochschulreife. Danach klassisch in die Lehre gestartet; Bürokaufmann sollte es sein – denn meine Eltern (beide Arbeiterkinder und auch selbst in der Arbeiterklasse verortet) wollten ja, das Sohnemann es mal besser haben solle. Gestartet ist die Ausbildung bei einem Immobilienverwalter, der dann beschlossen hat mitsamt der Kundengelder einen Neuanfang in Arizona zu wagen – die zweite Hälfte der Ausbildung habe ich dann in einem Autohaus erfolgreich absolviert. Mein damaliger Chef hat wohl einiges an Talent in mir gesehen und sich (zumindest habe ich das retrospektiv so verstanden) einen Plan für mich zurechtgelegt, den ich auch immer – nennen wir es mal stur, willenlos und außerstande, Gegenwehr zu leisten – verfolgt habe. An dieser Stelle möchte ich klar betonen, das dies alles alleine auf meiner Unfähigkeit, das Angebot abzulehnen basierte! Heute jedoch kann ich nachvollziehen, warum ich so gehandelt habe . Dies allerdings später…

Übrigens habe ich nie dieses Autohaus verlassen. 2022 wurde ich als Standortverantwortlicher „mitverkauft“. Die Stelle hatte ich dann bis zum 12.10.2023 inne, bis der große Knall kam; aber auch hier gibt es später mehr. Hierzu ist zu erwähnen, das – so vermute ich – mein alter Chef am ehesten an mir geschätzt hat, das ich mich gerne in neue Aufgaben gestürzt habe. Weniger gut gefallen hat im sicher, das ich Aufgaben, die ich schlecht(er) fand, einfach nicht bearbeitet habe und entweder Fristen verstreichen lies oder auf den letzten Drücker erledigt habe. 

Gehe ich näher auf das Thema Karriere im Autohaus ein und darauf, das mein Weg durch meinen Chef vorgezeichnet zu sein schien, ist das natürlich viel zu einfach und auch nur die halbe Wahrheit. Schließlich gehören zu einem Vertrag ja immer zwei Personen…In diesem Fall gab es die Partei, die Vorschläge zur Karriereentwicklung gemacht hat und dieses dann auch immer mal wieder forciert hat und die andere Partei, also mich, die den Vorschlägen zugestimmt hat, sonst gäbe es ja keinen Vertraglichen Konsens. So hat also Partei I die Vorschläge gemacht und auch immer mal wieder das Tempo forciert, während ich…

Nun! Ich habe halt immer nur „JA“ gesagt und – das weiß ich jetzt – entgegen meines eigenen Naturells und auch meiner eigenen Werte den Karrieresprüngen zugestimmt. Woran merkt man, des es ab und an (eigentlich später fast immer) gegen mein eigenes Denken ging? Richtig! Das Tempo musste manchmal angezogen werde; denn: was ich nicht mag, das schiebe ich gerne bis auf den letzten Moment auf und liefere dann im allerletzten Moment. Ergo habe ich blauäugig und ohne Vorbereitung an einem Assessment-Center der Herstellermarke teilgenommen, wurde auseinandergepflückt und (zurecht!) für in dieser Zeit noch untauglich befunden. 

Daraufhin habe ich die Geschäftsführerausbildung bei der Fahrzeugmarke durchlaufen mit Abschluss und dem Outcome, jetzt zwar besser aufgestellt zu sein, jedoch reichte dies dann hauchdünn nicht zur Eignung – denn ich denke anders als der Durchschnittsgeschäftsführer. Standortleiter wurde ich trotzdem…

Heute weiß ich, das ich diese Tortur auf mich genommen habe um Erwartungen zu erfüllen, die ich gar nicht an mich selbst gestellt habe. Hier handelte ich aus Angst zu enttäuschen oder aus Angst, den sicheren Hafen, den der Arbeitgeber bot, verlassen zu müssen. Die Angst vor Veränderung….ein für mich sehr großes Thema. 

Machen wir an dieser Stelle einen Strich unter diese Erzählungen und fassen die essenziellen Erkenntnisse zusammen:

– ich kann mich an das allermeiste meiner Kindheit nicht erinnnern. 

– In der Schule & beim Sport ist aufgefallen, das das Konzept „Ruhiges Sitzen“ und „Strukturierte Abläufe“ zur damaligen Zeit nix für mich waren. 

– Das „Ja-Sagen“ begann wohl schon bei der Frage meiner Eltern, ob ich jetzt Fußballspielen wolle.

– Im Jugendalter kehren langsam Erinnerungen zurück, allerdings eher als Fragmente und nur in geringer Anzahl. 

– Sport, vor allem Basketball hat mir viel gegeben und ich fühlte mich dort wohl und war für mich gesehen echt gut. 

– Über 25 Jahre beim gleichen Arbeitgeber sprechen dafür, das ich mich vor Veränderungen fürchte als sie anzunehmen. 

– „Sei Gefällig“ als innerer Glaubenssatz hat dazu beigetragen, den mir vorgeschlagenen Karriereweg einzuschlagen, obwohl es für mich mehr Sinn gemacht hätte, eigene Entscheidungen zu treffen. Außerdem wollte ich beweisen, das auch ich wertvoll bin und wollte nicht hinter den Karrieren von Freunden und Bekannten zurückstehen. Mir war nur nicht klar, das diese ihren Weg selbst und bewusst – also selbstbewusst – wählten, während ich meinen Wert in Persona beweisen wollte….Persona = Maske….(Merkste selbst….)

Ich denke, es könnten sich jetzt folgende Fragen aufdrängen: 

– Warum kann er sich nicht oder sehr schlecht an meine Kindheit erinnern?

– Warum schreibt er oft von seiner Unruhe, dem schwierigen Still sitzen und meiner Wildheit als Kind?